Molise, die Geheimnisse einer Region entdecken

Von der „Piana dei Mulini“ am Ufer des Flusses Biferno zum Dorf Frosolone. Ein Künstler-Hirt, der Skulpturen mit natürlichen Steinen kreiert hat. Der Eremit, der auch ein Gartenarchitekt ist und der Messerschmied in der antiken Werkstatt des „Museo dei Ferri Taglienti“

Text und Fotos: Paolo Gianfelici

Piana dei Mulini, Michelino Lucarelli (links) und Nicola Cavaliere, Region Molise

Piana dei Mulini, Michelino Lucarelli (links) und Nicola Cavaliere, Region Molise

Michele Di Rienzo von der regionalen Gärtnerei „Selva del Campo“

Michele Di Rienzo von der regionalen Gärtnerei „Selva del Campo“

Colle d’Anchise (Provinz Campobasso) – Die „Piana dei Mulini“, ein „verzweigtes Hotel“ im Herzen der Region Molise, ist ein charmanter und magischer Ort, der den Gästen Energie schenkt. Die kanalisierte Strömung des Flusses Biferno hat die Zahnräder der alten Steinmühlen schon vor Hunderten von Jahren bewegt. Die Hirten fanden hier Unterkunft und Erfrischung während der Transhumanz der Schafe. Vor zwanzig Jahren hat Michelino Lucarelli den Komplex restauriert, um den Besuchern zu ermöglichen, die Region Molise zu entdecken. Die Landschaft rund herum ist mit einem Teppich aus sehr grünem Gras bedeckt. Das Goldgelb und Braun der Blätter, die von den jahrhundertealten Platanen auf den Boden gefallen sind, steht im Kontrast. Dies ist ein Land der Pilze und der schwarzen und weißen Trüffeln, wie das ganze Molise. Die zarten, schwarzen Sommertrüffeln kann man durch Anpflanzen von Eichen- oder Haselnusssämlingen, die mit dem Tuber aestivum beimpft wurden, kultivieren.

Michele Di Rienzo von der regionalen Gärtnerei „Selva del Campo“ erklärt es mir, während zwei ausgebildete Hunde ihre „Beute“ in der Erde suchen und von einer Pflanze zur nächsten laufen. Vier dunkelbraune Knollen werden von den Hunden auf der Handfläche von Michele abgelegt. Sie werden das Abendessen im Restaurant der „Piana dei Mulini“ noch köstlicher machen. Serviert wurden die Trüffeln auf einem gegrillten Scamorza als Vorspeise. Die handgemachten „Cavatelli“ mit Mehl und Kartoffeln wurden hingegen mit Zucchiniblumen und Zucchini zubereitet. Das gegrillte Steakfleisch ist besonders lecker und zart. Es stammt von örtlichen Bauernhöfen, auf denen das Vieh im Frühling und Sommer weidet und im Winter in Ställen das natürliche Futter frisst. Die einheimische, rote Weinsorte „Tintilia del Molise DOC“, vollmundig und leicht tanninhaltig, begleitet das Essen. Das plätschernde Wasser des Flusses Biferno und der von den Sternen erhellte Himmel unterstreichen die Schönheit der „Piana die Mulini“ auch in der Nacht.

Frosolone, der Eremit Pater Luciano Proietti

Frosolone, der Eremit Pater Luciano Proietti

Frosolone, das sogenannte „Museum“.

Frosolone, das sogenannte „Museum“

Am nächsten Tag fahre ich nach Frosolone, einem alten Dorf auf einer Hochebene, die von Weiden und Wäldern umgeben ist. In der Nähe, in Colle dell’Orso, befindet sich der wichtigste Steilhang in Molise: ein Ziel für Klettersportler. Genau davor befindet sich das sogenannte „Museum“. Ein Hirte hat im Laufe seines Lebens Hunderte von Steinen aus dem Fels geholt und mit künstlerischem Talent Installationen von großer Ausdruckskraft geschaffen. Wie den von Sitzen umgebenen Tisch, der an die Werke des Bildhauers Constantin Brancusi erinnert. Der Hirte baute sich auch ein großes Haus mit den Steinen des Felsens und der Technik der Trockenmauern. Ich bewundere das Dach aus dünnen und regelmäßigen Steinplatten, die ohne Zement aufeinander „geklebt“ sind. Fast hundert Jahre sind seit dem Bau vergangen, aber weder Wind noch Regen oder Schnee im Hochgebirge haben einen Stein bewegt.
Weiter unten im Tal hat der Einsiedler Pater Luciano Proietti einen wunderschönen und gepflegten Garten um die Kirche Sant’Egidio angelegt. Die Düfte und die Farben der Rosen und blühenden Gebirgssträucher sind das Ornament und eine Hommage an diesen mystischen Ort. Pater Luciano ist ein Franziskaner und bietet in seinem Pfarrhaus auch Gastfreundschaft an, aber nur, wenn er das Gefühl hat, eine ehrliche Person vor sich zu haben. Um nach Frosolone zurückzukehren, fahre ich durch einen dichten Buchenwald.

Frosolone, lAssessore comunale Luca Fiani

Frosolone, Assessore comunale Luca Fiani

Trüffel von von der regionalen Gärtnerei „Selva del Campo“

Trüffel von von der regionalen Gärtnerei „Selva del Campo“

Das Dorf Frosolone ist für seine Schmiede berühmt, die wahre Künstler sind. In der historischen Werkstatt, die dem „Museo dei Ferri Taglienti“ angegliedert ist, zeigt mir Vittorio Piscitelli, wie er eine Schere aus dem weißglühenden Metall schafft. Seine Leidenschaft sind aber die Messer. Mit eleganten Griffen, die er selber mit Einlegearbeiten verschönert. Mein Besuch geht weiter in der „Casetta del Pastore“, einer winzigen Schau-Sennerei, wo ich bei der Herstellung eines Scamorza-Käses und eines Caciocavallo mit alten Werkzeugen und nach den Regeln der Tradition zuschaue. Im kleinen Museum der Trachten bewundere ich die kostbaren Kleider, die das Leben von Generationen von Frauen der Vergangenheit erzählen. Die Mädchen sollten vor der Hochzeit ein „corredo“ mit bestickter Weißwäsche vorbereiten. Das Brautkleid und das Festkleid aus dem 19. Jahrhundert strahlen eine echte Pracht aus. Ich gehe durch die engen Gassen von Frosolone spazieren und spüre in der Luft fast eine authentische Sehnsucht nach dieser Vergangenheit. Es ist das geheime Molise, das die heutigen Bewohner den Besuchern gerne vorstellen.

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Info:
La Piana dei Mulini – Albergo Diffuso
Strada Statale 647 Fondo Valle del Biferno, km 7
Colle d’Anchise
www.lapianadeimulini.it

10-11-2019

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