Romagna: das erste italienische Museum über Faschismus in Predappio

Das Gebäude, wo sich einst die „Casa del Fascio“ in der Heimatstadt Benito Mussolinis befand, wird der Sitz der Dauerausstellung: „Totalitäres Italien, Staat und Gesellschaft in der faschistischen Ära“ sein. „Historisches Wissen kann ein Gegenmittel gegen die Rückkehr der Geister der Vergangenheit sein“

Text und Fotos: Paolo Gianfelici

Predappio, Bürgermeister Giorgio Frassineti

Predappio, Bürgermeister Giorgio Frassineti

Predappio – Auf der Straße, die von Forlì zum Geburtsort von Benito Mussolini führt, ändert sich plötzlich die Landschaft. Ich verlasse die Poebene mit ihrer Monotonie von Feldern und Industriehallen und fahre leicht bergab zwischen bewaldeten Hügeln und Weinbergen mit den Apenninen im Hintergrund. Ich befinde mich in einem sehr schönen und wenig bekannten Gebiet der Romagna, das fünfzig Kilometer von den beliebten Stränden der Adria liegt.

Ich erreiche die Piazza S. Antonio von Predappio. Auf der rechten Seite blicke ich auf die ehemalige „Casa del Fascio“ mit geometrischen Linien und den hohen Turm, der über den Platz ragt, der für paramilitärische Versammlungen bestimmt war. Auf der linken Seite steht die imposante und massive Kaserne der Carabinieri. Auf einer Anhöhe war die alte Grundschule, wo die Mutter des zukünftigen Diktators lehrte und mit ihrer Familie lebte. Die Schule wurde in den dreißiger Jahren zu einem Denkmal umgebaut, zum Palazzo Varano, der jetzt Sitz der Stadtverwaltung ist. Im Hintergrund steht die Kirche von Sant’Antonio, die, um der Großartigkeit des Platzes zu entsprechen, wie eine Basilika gebaut wurde. Der Überraschungseffekt für einen Besucher ist bemerkenswert, noch mehr, wenn derjenige, der hierher kommt nicht weiß, was Predappio in der kollektiven Vorstellung der Italiener zwischen den beiden Weltkriegen dargestellt hat. Dieses Dorf, einst verloren in den Hügeln der Romagna, wurde zum Ort, den man mindestens einmal im Leben besuchen sollte. Sogar der König von Italien und der Kronprinz sind hier angekommen. Das monumentale Szenario, das im heutigen Kontext absurd ist, wurde gebaut, um die Erwartungen von Hunderttausenden von Besuchern nicht zu enttäuschen.

Ich steige die Freitreppe hinauf, die zwischen hohen Bäumen zum Palazzo Varano führt, um den Bürgermeister Giorgio Frassineti von der Demokratischen Partei (Mitte-links) zu treffen. Er erklärt das Projekt: „In drei Jahren wird in der ehemaligen „Casa del Fascio“ eine Dauerausstellung öffnen mit dem Titel: „Totalitäres Italien. Der Staat und die Gesellschaft während der faschistischen Ära“. Siebzig Jahre nach dem Ende dieses Regimes, haben wir das Gefühl gehabt, es wäre Zeit für ein Museum mit chronologischem Ansatz (von der Machtergreifung bis zum Befreiungskrieg), das in Themen (Architektur, Literatur, Kino, Theater, Wissenschaft usw.) eingeteilt ist, um die Geschichte des Faschismus zu zeigen. Die Idee ist, vor allem den jüngeren Generationen das faschistische Phänomen in seiner ganzen Komplexität bekannt zu machen“.

Predappio, „Casa del Fascio“

Predappio, „Casa del Fascio“

Predappio ist in den letzten fünfzig Jahren nur das Ziel von Wallfahrten finsterer, nostalgischer „Schwarzhemden“ gewesen. Die Dauerausstellung über das totalitäre Italien soll einer breiten Öffentlichkeit, insbesondere jungen Menschen, das historische Verständnis der dramatischen Ereignisse vermitteln, die der Faschismus ausgelöst hat. „Historisches Wissen ist ein Gegenmittel gegen das erneute Auftreten der Geister der Vergangenheit“, hat der Präsident der italienischen jüdischen Gemeinden, Noemi Di Segni, vor ein paar Monaten dem Bürgermeister Giorgio Frassineti geschrieben, um seine Zustimmung zum Projekt zum Ausdruck zu bringen.

Neben dem Museum über den Faschismus, das Videos, Fotos und Texte mit dreidimensionalem holographischen Effekten zeigt, wird das gleiche Gebäude ein internationales Zentrum für Studien über den Totalitarismus des zwanzigsten Jahrhunderts beherbergen sowie ein Institut, das „Atrium“, zur Aufwertung der Architektur, die in diktatorischen, „roten“ oder „schwarzen“ Regimen gebaut wurde.

Ich verlasse das Gebäude der Stadtverwaltung als es schon dunkel ist. Im Park sprudelt ein kleiner, bescheidener Springbrunnen. Ich blicke auf die Kirche von S. Antonio. In der Nacht ist alles viel weniger ernst, und die Geschichte, groß und tragisch, scheint sehr weit von der Gegenwart entfernt zu sein.

Ich gehe nach Predappio Alta und betrete durch einen kleinen Bogen die kleine Piazza. Das „Caffè Anni 30“ bietet „die längste Bruschetta der Welt“. Im Restaurant „La Vecia Cantena d’la Pré“ von Barbara und Riccardo kann man „die Delikatessen und Weine des großzügigen Lands der Romagna“ schmecken und einen Besuch in ihrem alten Weinkeller machen, der mehrere Stockwerke tief und voller alter Werkzeuge für die Weinherstellung ist. Der Vollmond ist zwischen dem Glockenturm und der Fassade der Kirche zu sehen. Es ist sehr schön, diese kleine Welt besuchen zu können: Sie besteht aus einfachen und authentischen Dingen, aus Emotionen und herzlichen menschlichen Beziehungen. Ich nehme mir vor, nach der Eröffnung des Museums wieder hierher zu kommen.
www.comune.predappio.fc.it

06-11-2018

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