Südtirol: Schnee und Mond

Der Almweg im Hochpustertal auf Schneeschuhen, um die Sextener Dolomiten zu bewundern. Vereiste Schneepakete, die auf den Zweigen der Tannen liegen, beleben mit weißen Punkten das Dunkelgrün der Wälder

Text und Fotos: Paolo Gianfelici

1-Alta-Val-Pusteria-Foto-TidPressKreuzbergpass/Passo Monte Croce – Das Bähnchen, das ohne Eile die wenigen Passagiere von Franzensfeste nach Innichen (S. Candido) transportiert, fährt auf der historischen Strecke Wien-Bozen, die vor fast einem Jahrhundert gebaut worden ist. Von der Hauptstadt des Habsburger Imperiums gelangten die Feriengäste ins Hochpustertal, um dort Ausflüge zu machen und in einem der Badeorte, die man am Fuß der Berge sehen kann, zu “kuren”, wie man damals sagte. Heute stehen sie in kolossaler Verlassenheit leer.

Das Tal weitet sich nach einem ersten engen und kurvenreichen Abschnitt; das Gelände zeigt steile Höcker und sanfte Abhänge. allmählich erscheint eine verschneite, winterliche Landschaft, während der Zug in die Höhe hinaufkriecht.

Vereiste Schneepakete, die auf den Zweigen der Tannen liegen, beleben mit weißen Punkten das Dunkelgrün der Wälder. Weiter in der Höhe zeigen weite Wiesen, die im Frühling so grün sind, einen weißen Glanz unter einem blauen Himmel. Ich habe den Eindruck, mir gegenüber befinde sich ein luftiges, zartes, idyllisches Szenarium, ein entlegener und zu bewundernder Ort.

Malerische Alpendörfer folgen bis Innichen (S. Candido) mit seinem mächtigen, quadratischen Kirchturm an der Stiftskirche aufeinander. Dieser Bau, der auf eine Benediktinerabtei des 8. Jahrhunderts zurückgeht, ist das wichtigste Denkmal der romanischen Kunst in Südtirol.

Im Auto geht die Reise geht weiter bis Sexten (Sesto). Nach einem erneuten Anstieg bis auf 1663 m gelangt man zum Kreuzbergpass (Passo Monte Croce). Die Schneedecke ist einen halben Meter hoch und bedeckt Weiden, Wälder und Berge. Allein der nackte Fels der Dolomiten leuchtet rosa in der untergehenden Sonne. Ein wahrer Genuss ist mir der Panorama-Ausblick von der Terrasse einer bequemen Suite des Hotels Kreuzbergpass.

2-Alta-Val-Pusteria-Foto-TidPress (1)Wenig später taucht der Vollmond über dem Wald auf. Ich habe völlig andere Empfindungen als einige Stunden früher, als mir das Hochpustertal als eine Abfolge von Postkarten-Bildern und als ein Ensemble von Linien und Farben am Horizont erschien, die zwar angenehm, aber doch kalt und fern waren. Jetzt, da alles, aber auch alles in jenes blasse, kalte, geheimnisvolle Licht getaucht ist – die verlassene Skipiste, die Bergbahnen, das Kirchlein zwischen den Tannen, die mit vereistem Schnee bedeckten Weiden – fühle ich eine unwiderstehliche Lust hinauszugehen, um den geheimen Zauber der nächtlichen, stillen und beunruhigenden Alpenwelt zu entdecken.

Da nicht im Besitz einer Taschenlampe, gehe ich nicht weit. Im Dunkel der Nacht, die lediglich vom Mond und vom Widerschein des Schnees erhellt ist, findet man nicht leicht die Pfade. Nach einer Stunde Wegs komme ich zurück und verspüre den starken Wunsch, bald wieder Wälder, Almen und Schutzhütten längs der Abfahrten des Hochpustertals zu entdecken.

Ich gebe zu, überhaupt nicht auf eine Begegnung mit dem winterlichen Gebirge vorbereitet zu sein. Lediglich mit den leichtesten Touren im Sommer bin ich einigermaßen vertraut. Am nächsten Morgen, Punkt neun Uhr, vollbringt Helga Aichner, die Eigentümerin des Hotels „Passo Monte Croce“, ein Wunder. Sie wirft einen sorgsamen Blick auf meine unzureichende Ausrüstung, vervollständigt sie mit Bergstiefeln, Gamaschen und Schneeschuhen, und los geht’s zum Anstieg längs des Almwegs mit einer kleinen Gruppen erfahrener Feriengäste.

Auf Schneeschuhen zu laufen ist einfach, man braucht beim Gehen bloß die Beine leicht auszustrecken, um nicht einzusinken. Der Aufstieg und der Abstieg auf einem steilen, vereisten Weg verleiht einem ein überraschendes Gefühl von Stabilität. Mit Schneeschuhen haftet man bei jedem Schritt fest auf dem Schnee, ohne die Gefahr, auszugleiten und zu fallen. Die Überraschung ist noch größer, wenn man die Entdeckung macht, dass man mit den Schneeschuhen auf dem einen Meter hohen Schnee „schwimmt“, wenn man die vom Schneepflug planierte Bahn verläßt.

Benutzung von Schneeschuhen ist anstrengender als das einfache Gehen, und folglich erfordert es ein wenig Training in der Sporthalle und ein bisschen Jogging im Park neben dem Haus. Die Wanderungen dauern viele Stunden, man tut gut daran, sie mit einer erfahrenen Führerin wie Helga anzugehen, welche die Route gut kennt und einen im rechten Augenblick beraten und aufmuntern kann.

Wir durchqueren einen dichten Nadelwald, steigen eine Schlucht hinauf, wo die Temperatur viele Grade unter Null ist und gelangen zur Alpe-Nemes-Hütte (Malga Nemes). Ziegen, Schafe, Rinder mit einem ganz dunklen Fell und ein mächtiger, wachsamer Wolfshund stehen ruhig im Freien, so, als ob sie die Kälte nicht betrifft.

Einmal begegnen wir einem kleinen, von zehn wunderschönen Hunden gezogenen Schlitten. Die Tiere drängen zum Aufbruch, da der Schlittenlenker angehalten hat, um mit uns einen kleinen Schwatz zu halten. Dann gehen wir mit unseren Schneeschuhen auf ungeräumten Wegen weiter und kommen über eine Hochfläche endlich (nach vier Stunden Wegs, meist im Anstieg) zur Malga Coltrondo. Die Sonne glänzt, die Temperatur erreicht mindestens 15 Grad. Wir setzen uns ins Freie an Tische aus grobem Holz. Von dem langen Marsch haben wir Hunger bekommen und essen Speck, Wurst und Käse, auf der Alm hergestellte Produkte, sowie Strudel und andere geschmackvolle Speisen. In beeindruckendem Glanz liegen die Sextener Dolomiten uns gegenüber unter einem sonnig blauen Himmel: eine Stätte seligen Entzückens. Nach einer Pause von weniger als einer Stunde schnalle ich gerne die Schneeschuhe an meine Stiefel und freue mich schon auf den langen Abstieg durch Wälder und Täler.

Info:

Hotel Passo Monte Croce
Famiglia Aichner – Happacher
Passo Monte Croce – 39030 Sesto (BZ) / Alta Pusteria
www.passomontecroce.com
www.suedtirol.info
 

22-01-2018

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