48 Stunden in Matera, der europäischen Kulturhauptstadt 2019

Die Krypta der Erbsünde, eines der schönsten Beispiele für Felsmalerei in Süditalien. Der Skulpturenpark “La Palomba” in einem Kalksteinbruch. Die Faszination der Felsspalte in der Fledermaushöhle

Text und Fotos: TiDPress

Matera-Paolo-Gianfelici (12)C11. Tag
Der Bus Freccialink von Trenitalia fährt mit 30 Stunden-km auf einer engen Straße hinter einem Lastwagen her. Nach der Hochgeschwindigkeitsfahrt von Rom nach Salerno und einem Stück Autobahn befinde ich mich in der stillen, abgelegenen und fast menschenleeren Landschaft Lukaniens, eingetaucht in die Dämmerung des Sonnenuntergangs.

19.00 Uhr
Ankunft in Matera. Vom Hof des “Palazzotto”, meinem Hotel mit mehreren Gebäuden, erblicke ich die vom Halbdunkel umgebenen Sassi. Der beleuchtete romanische Dom überragt das natürliche Amphitheater, auf dem sich ungeordnete Formen, Objekte, krumme und gerade Linien, dunkle Stellen und Lichtpunkte befinden, die das Gesamtbild von Bewegungs- und Zeitlosigkeit bestätigen – einzigartig hinsichtlich Eindruck und Gefühl. Schon der Anblick des antiken Teils ist eine Reise hierher wert.

Mein Zimmer geht unmittelbar auf den Innenhof, auf eine lange und enge Höhle mit gelblichen, zerklüfteten Kalkwänden, wozu die Lichteffekte beitragen. Der Architekt hat mitten ins Zentrum der Höhle ein rundes Waschbecken gebaut, das an einen Brunnen erinnert. Zu meinem Erstaunen befindet sich an einer Wand eine Dusche, aber ohne Becken. Im Hintergrund (wo einst die Tiere lebten) ist ein Spiegel und eine „offene“ Toilette. All dies konnte man nicht vorhersehen, ist ungewohnt, erweckt aber zugleich Vertrauen angesichts des Designs und der Technologie (Luftentfeuchter, WLAN usw.).

In der Rezeption des “Palazzotto” befinden sich Lounge und Frühstückssaal in einer großen Kaverne mit mehreren Ausbuchtungen. Der Aperitif auf der Grundlage von Wurst und Käse aus der Region passt gut zum kräftigen, tanninhaltigen Aglianico del Vulture.

20.30 Uhr
Hervorragendes Abendessen in einem an der Ecke gelegenen Restaurant (in Matera isst man überall gut). Ich probiere die zwei berühmtesten örtlichen Spezialitäten: geröstete, knusprige und süße Paprikaschoten und die “crapriata”, eine Mischung aus verschiedenen Mehlen und Gemüsen (Weizen, Emmer, Platt- und Kichererbsen, Linsen, grüne und Puffbohnen, Erbsen, gewürzt mit Sellerie, Zwiebeln, Möhren, Tomaten und Olivenöl). Dies alles wird in einem großen Topf gekocht. Einst wurde diese Speise am 1. August den Nachbarn zur Feier des Endes der Ernte dargeboten.

22.30 Uhr
Absatz für Absatz steige ich die Treppen hinauf und komme zur Via del Corso, dem von den Einwohnern belebten Herz der Stadt, die es vorziehen, den Gästen von außerhalb die Sassi zu überlassen. Die schönen, monumentalen Paläste und Kirchen sind zwei bis drei Jahrhunderte alt. Die angenehme Atmosphäre entspricht der eines historischen Stadtzentrums in Süditalien. Ich gelange zum Belvedere. Meine Augen sind immer stärker auf die Sassi gerichtet. Umgeben von der Nacht, vermitteln sie eine Botschaft aus ferner Vergangenheit, die ich zu entziffern suche.

2. Tag
09.00 Uhr
Abfahrt zum Skulpturen-Park “La Palomba”, der nach einer Idee des Künstlers Antonio Paradiso in einem aufgelassenen, zerklüfteten Kalksteinbruch errichtet wurde. Beim Abbau des Felsens hat der Bagger auf den 10 m hohen Wänden des Steinbruchs senkrechte parallele Furchen hinterlassen, ein anscheinend künstlerisch geschaffenes Muster. Gebilde aus Eisen und Stein sind auf der großen Wiese angeordnet, die in der schönen Jahreszeit ein Veranstaltungsort ist. Am frühen Morgen ist der Steinbruch kalt und düster. Ein Vogelschwarm aus Eisen scheint in den blauen Himmel emporfliegen zu wollen. Ich folge seinem Beispiel nach einer langen Inspektion dieses herrlichen, zur Meditation einladenden Orts und beginne mit der Besichtigung des Parks der Felsenkirchen.

11.00 Uhr
Die Krypta der Erbsünde (oder die Höhle der 100 Heiligen) ist eines der schönsten Beispiele für Felsenmalerei in Süditalien. Im Auftrag des örtlichen Benediktinerklosters malte der zur langobardischen Kultur gehörige Künstler im 9. Jahrhundert Figuren von großer Eindringlichkeit. Die Farben der Blumen und die des Baums der Erkenntnis von Gut und Böse sind sehr üppig und bunt. Der Baum trägt keine Äpfel, sondern Feigen, die herausragende Frucht der Basilikata.

13.00 Uhr
Die Lounge der Masseria Cardillo (Gemeinde Bernalda) ist ein ehemaliger Stall aus dem 18. Jahrhundert. Die geräumigen Schlafzimmer sind mit Möbeln aus der gleichen Zeit ausgestattet; von den Fenstern aus lassen sich prächtige Orangenbäume bewundern. Im Garten sind zwei Arbeiter damit beschäftigt, die auf die Netze gefallenen Oliven aufzusammeln. Die Bienen sind sehr emsig an einem Johannesbrotbaum zu Gange; sie werden vom Zucker mit Vanillegeschmack der Schoten angezogen. Ich beobachte sie, während ich auf der Wiese den Spumante und den Rotwein der Weinberge des Hauses probiere.

15.30 Uhr
Rückkehr nach Matera. Die Gravina ist ein Naturschauspiel. Der Blick vom Flachland auf die Sassi ist noch spektakulärer. In der Gravina ist der Mensch nur zeitweiliger Gast, wie auch in der Fledermaushöhle, die einst eine Zufluchtsstätte für Hirten, Schafe und die Kühe der Podolica-Rasse war. Die Kavernen folgen aufeinander, bis den Besucher eine tiefblaue Dunkelheit umfängt.

17.00 Uhr Der Sonnenuntergang in den Sassi
Ich setze mich an den Rand der Gravina. Das spärliche Wasser des Sturzbachs strömt 100 m unterhalb von mir. Der Sonnenuntergang betont die Farben der Stadt. Ich warte, bis es dunkel wird. Man muss nur schauen und meditieren. Dies ist der Matera-Effekt, der Grund, warum man bis hierher reist.

20.30 Uhr
Abendessen in einer tiefen Höhle der Sassi, in der Soul Kitchen. Das enorme gegrillte Rumpsteak einer Podolica-Kuh ist schmackhaft und zart.

3. Tag
10.00 Uhr
Besichtigung des MUSMA, des Museums der zeitgenössischen Bildhauerei. In den sieben Kavernen des Untergeschosses eines Palastes aus dem 18. Jahrhundert und in den Innenhöfen halten die Kunstwerke Zwiesprache mit diesem ungewöhnlichen Ambiente.

12.00 Uhr
Die Kirche der Madonna der Tugenden wurde in den Bergfelsen gehauen. Sie gehört zu einem Kloster aus dem Jahre 1000. Die drei Kirchenschiffe werden von großen Pfeilern gestützt. Sie ist zusammen mit der Kirche San Nicola dei Greci Sitz eines erstaunlichen Ausstellungsgeländes, das das Jahr über verschiedene Sammlungen zeitgenössischer Kunst beherbergt.

13.00 Uhr
Um mit eigenen Augen und mit historischer Genauigkeit verstehen zu können, wie einst eine Bauernfamilie aus Matera lebte – vor der 1952 erlassenen Anordnung, die Sassi aus hygienischen und sanitären Gründen zu räumen –, muss man die Casa Grotta im Vico Solitario besichtigen. Nach heutigen Maßstäben herrschten damals unmögliche Zustände. Beobachtet man aber sorgfältig die Organisation des Familienlebens, entdeckt man, dass es zwar archaisch, aber nicht primitiv war. Um über die Runden zu kommen, musste man körperlich sehr robust, aber auch positiv eingestellt und vor allem solidarisch sein.

15.00 Uhr
Abfahrt zum Flughafen Bari

Übers.: Richard Brütting

Info:

Mirabilia – European Network of Unesco Sites

www.mirabilianetwork.eu

08-01-2018

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