Traum-Weinberge im Aostatal

Von Arvier nach Arnad, über Saint-Pierre, um vor dem weißen Hintergrund der Alpen die Herbstfarben Gelb, Rot, Orange zu bewundern und die fabelhaften Weine der „Viticulteurs Valdotains“ zu genießen

Text und Fotos: Paolo Gianfelici

Saint-Pierre: Weinberge, im hintergrund die Alpen Zum Vergrößern: Klick auf das Foto

Saint-Pierre: Weinberge, im Hintergrund die Alpen
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Saint-Pierre – Ich koste einige Trauben des Petit Rouge, die einzigen, die nach der Ernte noch geblieben sind. Sie sind sehr süß. Das Tal ist auch im Oktober von Sonnenlicht überflutet. Keine Wolke zeigt sich am blauen Himmel. Die Weinberge befinden sich auf fast tausend Meter Höhe. Ich wandere entlang der Rebenreihen und genieße einen ungewöhnlichen Blick: Die Blätter der Weinberge sind gelb und orange, und der Schnee auf den Alpen bietet einen weißen Hintergrund.

Der Jeep hält am Rand einer Klippe. Bei der Erkundung der hochgelegenen Weinberge der Valle d’Aosta begleitet mich Stefano Celi, Präsident der „Viticulteurs Valdotains“: Er will mir aus dieser Perspektive seinen Keller „La Source“ in Saint-Pierre zeigen. Ich gehe etwas weiter nach unten und lehne mich vorsichtig nach vorne. Die Dora Baltea schlängelt sich zwischen Land und Weiden. Wenn sein Lauf einen Hügel trifft, umgeht der Fluss das Hindernis. Die Dora Baltea ist wie ein Rahmen: Sie umschließt das Bild der Weinberge und das Schloss auf deren Spitze.

La Source (die Quelle) „fließt“ im Schatten der mittelalterlichen Burg von Saint-Pierre. Zum originalen Gebäude wurden im 19. Jahrhundert neugotische Türme und Zinnen hinzugefügt, um eine märchenhafte Atmosphäre zu schaffen. Wir fahren die Straße hinunter zu La Source. Celi hat gerade hier seinen Keller in einen ehemaligen Stall gebaut, wegen des romantischen Charmes, den das Schloss ausstrahlt. Als er vor zehn Jahren den sicheren Job in der Regionalverwaltung verließ, war sein Traum, fabelhafte Weine zu produzieren. Ich koste den Torrette (90% einheimischer Petit Rouge und Vien de Nus, Fumin) und überzeuge mich, dass er sein Ziel fast erreicht hat. Der Torrette hat den Duft der Kirsche, einen runden Geschmack und zu gleicher Zeit die Frische der Bergweine, die unverwechselbar im Panorama der italienischen Rotweine sind. Im Aostatal hat man es mit unglaublicher Anstrengung geschafft, durch Verbesserung der Anbaumethoden und der Weinherstellung Produkte mit hoher Säure und niedrigem Alkoholgehalt in ausgewogene Weine umzuformen, ohne dass sie ihre ursprüngliche Identität verlieren.

Wir fahren weiter die Dora Baltea entlang, die weiter höher zum wilden, für das Rafting geeigneten Fluss wird, und erreichen Arvier. Die Weinberge liegen hoch auf den Granit-Terrassen des Berges und bekommen die meistmöglichen Strahlen der Sonne. In früheren Zeiten befanden sie sich näher am Gebirgskamm: Man kann noch die alten Steinmauern sehen. Die Winzer der Vergangenheit nahmen das Wasser aus dem Fluss und trugen es Hunderte von Metern nach oben, um die Weinberge in der Sommersonne zu gießen. Eine Hölle von Hitze und Müdigkeit!
In der „Cooperative de l’Enfer“ koste ich den guten Wein Enfer (Hölle) d’Arvier: einen rubinroten, frischen Petit Rouge mit viel Struktur. Der Enfer d’Arvier Superieur wird aus Trauben hergestellt, die erst gelichtet (die untere Seite jeder Traube wird abgeschnitten) und dann in Kisten zehn Tage lang der Sonne ausgesetzt werden.

Burg von Sarre Zum Vergrößern: Klick auf das Foto

Burg von Sarre
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Die Reise geht weiter entlang der Dora Baltea bis Arnad. Das Tal ist hier sehr schmal, steinig und dunkler. In der Ferne kann man den zyklopischen Bau der Festung von Bard sehen. In solch einer strengen und „nördlichen“ Umgebung erwartet man nicht, einen sonnigen Wein wie den Chardonnay La Kiuva zu finden, der rund und reich an Düften ist. Wir befinden uns fast an der Grenze zum Piemont, und die Weinberge werden tiefer angebaut.

Der Präsident der Genossenschaft „La Kiuva“, Ivo Joly, stößt mit einem Traverse (purer Nebbiolo-Schaumwein nach klassischer Methode) an. Er hat eine blassrosa Farbe, ist fruchtig mit einem ausgewogenen Geschmack, der zu den Vorspeisen passt: Speck aus Arnad (sehr mild), leckere Boudin-Wurst (mit Kartoffeln, Rüben und wenig Fleisch). Danach schmecken wir die Wildschweinwurst, das Dörrfleisch, den typischen Pfannkuchen (crespella alla valdostana) mit Schinken und Béchamelsoße mit Kräutern, Rindfleisch à la Carbonnade mit Chardonnay und Polenta: Dazu passt der Nebbiolo „Picotendro“: rubinrot, mit dem Duft roter Früchte und angenehm tanninhaltig. Nach einem Glas Kiu-miel, einem hausgemachten Berghonig-Likör, können wir mit der Erkundung anderer Köstlichkeiten fortfahren.

La Maison Bertolin in Arnad ist ein Gebäude aus Holz und Stein im alpinen Stil, das sich in unmittelbarer Nähe des Berges befindet. Man braucht die Maison nur kurz anzuschauen, um die tiefe Bindung zwischen der Familie Bertolin und dem Territorium zu verstehen. Die Wurstfabrik produziert den berühmten Arnad DOP Speck, der nur aus dem Schweinefleisch „spallotto“ erzeugt wird. Ohne Fett wird der Speck drei Monate lang in den „doils“, alten Kastanienholz-Behältern, mit Wasser, Salz, Lorbeerblättern, Rosmarin und Salbei des Ortes zum Reifen gelegt. Andere Spezialitäten sind die Boudin-Salami mit Kartoffeln und Rüben, getrocknetes Fleisch vom Rind, vom Reh oder vom Gamsbock (es wird nur der Schenkel benützt; das Fleisch wird in Salz, Knoblauch und Kräutern mariniert). Im „Schrein der Aromen“ findet man die Produkte des Hauses, aber auch die besten Weine, Käse und Marmeladen des Aostatals: Der Besuch ist ein Muss.

Auf der Rückkehr nach Saint-Pierre halten wir in Aosta in einem Keller, der in einer alten Mühle nahe an den römischen Mauern gebaut wurde. Federico Marcoz ist ein junger Mann, der seine Startup-Firma mit wenig Kapital kreiert hat. Er hat vier Hektar Weinberge gemietet, die weit voneinander liegen und arbeitet viel daran. Er restaurierte den Keller, der der Familie gehörte, und neben der Weinproduktion hat er einen kleinen Laden, der auch zur Verkostung dient. Alles ist sehr klein, aber die Ergebnisse nach vier Jahren Arbeit sind hervorragend. Sein Muscat Petit Grain ist trocken, reichhaltig an Düften von Bergkräutern. Auch der Pinot Noir R.E.M. ist sehr gut, elegant und mit dem Duft wilder Beeren.

Das Aostatal hat sich als eine Fundgrube von Aromen, Düften und Farben herausgestellt, ist faszinierend und originell. Es ist nicht nur die Grenze zwischen Italien und Frankreich, sondern eine Welt für sich, ein Gebiet mit einer starken Identität, das gerne auf Besucher wartet. Am nächsten Morgen ist in Saint-Pierre der Himmel blau, die Sonnenstrahlen lassen den Schnee auf den Bergen glänzen. Das Tal ist vom dichten Nebel umhüllt. Plötzlich verschwindet der Nebel, und die beiden Burgen, die Kirche, die Häuser, die Straßen, die Weinberge erscheinen wie verzaubert.

Info:

La Source
Loc. Bussan Dessous, 1
Saint-Pierre
Valle d’Aosta
www.lasource.it

La Kiuva
Società Cooperativa
Pied de Ville – Arnad
Valle d’Aosta
www.lakiuva.it

La Crotta de Tanteun e Marietta

Via Vevey, 23 Aosta
Valle d’Aosta
www.tanteunemarietta.it

Co-Enfer
Via Corrado Gex Arvier
Valle d’Aosta
www.coenfer.it

Residence “Lo Fleyé”
Saint-Pierre
Valle d’Aosta
www.lofleye.it

Salumificio Maison Bertolin
Loc. Champagnolaz, 10
Arnad
Valle d’Aosta
www.bertolin.com

31-10-2018

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