Sannio, geheimnisvoll und lecker

Grüne, gelbe oder rote Teppiche von Weinbergen färben je nach den Jahreszeiten die Hügel. Einheimische Rezepte und aktiver Tourismus in der Gegend um Benevent.

Text und Fotos: Paolo Gianfelici

 Telesio Terme – Der Bahnhof von Neapel ist von einem Gewirr von Autos umgeben. Bevor wir dem Stau entkommen können, vergeht eine gute Viertelstunde. Schließlich nehmen wir die Straße zum Sannio. Wir fahren durch die Provinz Caserta und blicken auf eine geschändete Landschaft. Auf beiden Seiten der Straße gibt es unzählige, halbfertigen Häuser, verlassene Industrieanlagen und einen Wald von Plakaten. „Dies ist die am stärkste verschmutzte Gegend Kampaniens”, sagt der Fahrer, „ich würde keine Tomate essen, die hier wächst.“ Wir reisen ins Innere der Region weiter: Neunzig Prozent des Verkehrs verschwindet wie durch ein Wunder, und das Gleiche geschieht mit den hässlichen Gebäuden. Wir fahren unter den Bögen des Aquädukts von Luigi Vanvitelli, der die Wasserfälle in der Reggia von Caserta speiste. Die Landschaft hat sich plötzlich geändert. Wir sind im Sannio angekommen. Auf der Ebene erstrecken sich grüne Weizenfelder. Reihen von Weinberge, wie mit dem Bleistift gezeichnet, steigen auf die Hügel. Die steilsten Hänge sind mit Olivenbäumen bedeckt. Im Hintergrund blickt man auf das Massiv des Matese und des Taburno-Gebirges.

"Campania Stories Rotweine – 2013"

„Campania Stories Rotweine – 2013“

Der diesjährige März ist kälter und regnerischer als üblich. Ich komme im Aquapetra Resort von Telese Terme an, einem alten, von Olivenhainen und Wäldern umgeben Bauerndorf, und widme mich sofort der Wein-Verkostung „Campania Stories Rotweine – 2013“. Ich sitze neben Gaetano Bove von der Tenuta San Francesco. Die Weinberge, die fünfhundert Meter über dem Meeresspiegel liegen, reifen an der bezaubernden Amalfiküste. Neben dem traditionellen, eleganten und duftenden Weißwein wird der rote „4 Spine“ (vier Dornen) produziert: eine Mischung aus drei Trauben mit einer starken Säure, die vom fruchtigen Aroma des Piedirosso verfeinert wird – eine Welt von Farbe und intensiven Düften, durchflutet von Sonne und Meer. Doch ein Blick durch das Fenster des Zimmers bringt mich zurück zur Realität. Der Himmel ist grau und der Regen fällt. Ich beschließe trotzdem die Ortschaft zu besichtigen.

Das Aquapetra Resort ist der ideale Ausgangspunkt zur Erkundung dieses faszinierenden, geheimnisvollen und „leckeren“ Territoriums. Erste Etappe ist die alte Masseria Venditti in Castelvenere. Auf dem Willkommensschild liest man: „Für Donna Lorenza ist die Küche Kunst und der Wein Liebe“. Die Dame ist die Ehefrau von Nicola Venditti, Weinproduzent mit langer Familientradition. Beide sind zu den Gästen sehr freundlich. Wir nehmen an einer geführten Besichtigung des Weingutes teil und kosten Weine und Speisen. Das Ehepaar lässt sich gerne vor der Weinpresse aus dem 16. Jahrhundert fotografieren, die eine steinerne Basis und ein Gewicht von 35 Tonnen hat. Sie wurde sie mit großer Mühe vom alten Familienbetrieb an den Hängen des Hügels, wo sich die Weinberge von Greco, Falanghina, Aglianico befinden, hierher transportiert. Neben den neuen und architektonisch schönen Keller wurden andere Weinberge gepflanzt. Nicola ist sehr stolz auf die Mischung und auf die festlichen, nächtlichen Weinlesen. Nach der Verkostung vieler ausgezeichneter Weine fasziniert mich einer am meisten: der Barbera. Wie kommt diese piemontesische Traube nach Benevent? Es handelt sich eigentlich aber um eine einheimische Traube, der von einem erfinderischen Urgroßvater Nicolas angepflanzt wurde. Dieser Vorfahre wurde damals „barbetta“ nach seinem Spitzbart genannt. Der vollmundige, trockene und fruchtige Wein ist Ausdruck dieser Erde, die gleichzeitig hart und bukolisch ist.

An den Hängen des Monte Taburno liegt in einer schönen Lage, oben auf einem Hügel, die Fattoria La Rivolta, wo duftende Weiß- und Rotweine produziert werden. Die Zimmer sind mit Möbeln aus dem 19. Jahrhundert eingerichtet, der Keller ist ein Labyrinth von Tunneln. Nach einer Verkostung von Rotweinen in Aquapetra schmeckt mir mit großem Genuss ein Falanghina und Fiano Taburno Sannio. Ein intensives Bouquet von geräucherten Blumen entfaltet sich aus dem Glas, während ich die von Nebel umhüllten Weinberge in der Dämmerung beobachte.

Fattoria-La-Rivolta

Fattoria-La-Rivolta

 

Als ich in der Genossenschaft La Guardiense in Guardia Sanframondi ankomme, ist es bereits Nacht. Was ich von der umliegenden Natur nicht sehen kann, zeigt mir die Freundlichkeit des Personals bei einem Abendessen. Die Guardiense ist der größte Produzent von Falanghina del Beneventano und trug nicht nur zur Qualitätsverbesserung der Weine in den letzten fünfzig Jahren bei, sondern machte das Land auch schöner und harmonischer. Es gibt nicht mehr verstreute Weinberge, sondern grüne, gelbe oder rote Teppiche, die je nach den Jahreszeiten die Hügel färben.

Im Gebiet des Beneventano kann man in den Wäldern wandern, in vulkanische Höhlen eindringen: An aktiven Tourismus mangelt es hier nicht.

Info
Antica Masseria Venditti
Castelvenere (Benevento)
www.venditti.it
 
Fattoria La Rivolta
Torrecuso (Benevento)
www.fattorialarivolta.com
 
La Guardiense
Guarsia Sanframondi (Benevento)
www.laguardiense.it
 
Tenuta San Francesco
Tramonti (Salerno)
www.vinitenutasanfrancesco.it
 
Aquapetra Resort & SPA
Telese Terme (BN)
www.aquapetra.com
 

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06-05-2013

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