Der Tisch am Kanal

Das andere Venedig ist das echte. Ein Spaziergang durch das Ghetto, wo Geschichte und Traditionen für Emotionen sorgen.

Text und Fotos: Elvira D’Ippoliti

Canale di Cannaregio Zum Vergrößern: Klick auf das Foto

Canale di Cannaregio
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Venedig – Der Gehsteig endet am Wasser. Es ist sehr ruhig in den Fondamenta di Cannaregio. Die Touristenschar hat sich nach dem ihr vorgeschriebenen Rundgang verloren. Vom Bahnhof S. Lucia bewegen sich die Besucher der Lagunen-Stadt ununterbrochen in Richtung San Marco. Es ist fast unmöglich, aus diesem Strom auszubrechen. Der richtige Moment kommt nach dem Ponte delle Guglie (Brücke der Fialen, der gotischen Spitztürmchen). Die Route der Touristen läuft gerade auf den Rio Terrà San Leonardo zu, wir aber biegen nach links ab. Ein paar Schritte, und die Stille eines Kanals wird zum angenehmen Begleiter bei einem Spaziergang durch eine Stadt, die plötzlich tausend Geschichten zu erzählen hat. Keine dieser Erzählungen enthält Worte wie Hektik, Konsum oder Banalität. Die grauen Steine des Gehsteigs murmeln wie Greise, die ständig etwas zu bereden haben. Das Wasser bleibt mit einer nur angedeuteten Bewegung im Kanal und ist damit zufrieden.

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Ein einziger Tisch steht vor einer kleinen Weinschenke. Zwei Stühle laden zum Verweilen ein. Der Kellner serviert Brötchen mit den typischen Salami aus der Region Veneto und zwei Gläser Prosecco. Das ist Venedig: Die Farben der Stadt glänzen hell, die Schaufenster der winzigen Geschäfte schauen wie aufgerissene Augen auf das Wasser. Ein Boot, das Elektrohaushaltgeräte transportiert, gleitet langsam dahin. Die Wellen plätschern diskret gegen die Steine der Uferbefestigung. Dann kommt die Stille wieder zurück. Wir zahlen – Venedig ist teuer, aber nur, wenn man viel Geld ausgeben will – und gehen weiter. Am Ende der Stadt breitet sich die Lagune aus. Ein moderner Wohnblock umringt ruhige Innenhöfe. Die Bewohner begrüßen sich mit leiser Stimme und lauschen wie wir gespannt auf die Erzählungen der Stadt. Der Wind bemüht sich, die Luft zu reinigen. Eine Tankstelle wartet auf „durstige“ Boote.

Wir kehren zurück und erreichen den Eingang des Ghettos. Die Häuser zeigen ihre zeitlosen Fassaden. Über Brücken und durch schmale Gassen, wo Wäsche zum Trocknen hängt, erreichen wir den zentralen Platz, den Campo del Ghetto Nuovo. Die Atmosphäre an einem Samstagnachmittag ist lebendig und heiter. Die Kinder spielen, und die Erwachsene plaudern.

Schifffahrt auf dem Canale di Cannaregio Zum Vergrößern: Klick auf das Foto

Schifffahrt auf dem Canale di Cannaregio
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Wir nehmen uns Zeit, um die Architektur zu studieren. Im Ghetto gab es Platzmangel, und deshalb wurde auch in die Höhe gebaut. Im Gegensatz zu den Fondamenta di Cannaregio ist das Meer hier eine nur anscheinend fremde Idee. Das Wasser zwingt sich in engen Kanäle, durch die einsame und bunte Holzboote schwimmen. Doch die Weite der Lagune ist nur wenige Schritte entfernt, und die perfekte Einigkeit zwischen Himmel und Meer erzählt von der Größe der Stadt. Bald sind wir wieder in der Nähe des Ponte delle Guglie. Der Sonnenuntergang hat den Strom der Touristen nicht vermindert. Alle wollen Venedig sehen, aber wir haben den Eindruck, das Atmen der Stadt zum ersten Mal wirklich gehört zu haben. Ihre Identität ist nicht in die glorreichen Gebäude eingeschrieben, sondern liegt in der Ruhe der echt gebliebene Viertel. Venedig ist eine wunderbar normale Stadt, voller Schönheit und Leben. Ihr Alltag wird weiter vom Wasser der Lagune bestimmt.

 

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Info

Associazione Veneziana Albergatori

www.avanews.it

500  anni del Ghetto di Venezia

www.veniceghetto500.org

www.jvenice.org

 

24-03-2016

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